Leseprobe


Wenn Gott arbeitet

Beruf und Berufung verbinden

Vorwort

 

Und Gott der HERR nahm den Menschen
und setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn
bebaute und bewahrte. – 2. Mose 2,15

 

 

 

Unter der Überschrift „Unkraut jäten im Garten Eden“ adressierte ein bekanntes Nachrichtenmagazin in Deutschland die Frage: „Ist der Mensch zum Arbeiten gemacht?“, und kam zu dem nicht überraschenden Schluss: „Laut Bibel eindeutig ja. […] Bereits der erste Satz klingt nach Arbeit: ‚Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde.‘ … Umgehend beauftragt er den Menschen persönlich: Adam und Eva sollen den Garten Eden bewirtschaften. Harken, jäten, pflügen…“[i] Nicht Beten, Fasten und Singen, sondern einfach arbeiten – in diesem Fall sogar ganz praktisch. Das war der Auftrag. Natürlich kann man die Bedeutung des Gebets gar nicht überbewerten. Doch der Punkt, um den es hier geht, ist, dass das Gebet nicht heiliger ist als körperliche Arbeit – und auch nicht als die geistige Tätigkeit.

 

Die meisten Leute, die wirklich begeistert sind von ihrem Glauben, denken sofort an sogenannte „geistliche“ Berufe wie Priester oder Pastor. Doch wie wäre es damit, einfach in einem säkularen Beruf einen Unterschied zu machen? Jesus jedenfalls wählte diese Option – und zwar für den längsten Teil seines Lebens. Das Erstaunliche dabei ist: Achtzehn Jahre Berufsalltag als Bauhandwerker im Vergleich zu seinem dreijährigen öffentlichen Missionsprojekt war eine enorm lange Zeit für den Sohn Gottes auf Erden – zumal er eine einmalige Berufung hatte.

 

Warteten nicht alle auf den Messias, so dass er keine Zeit zu verlieren hatte? Warum also wählte er einen ganz normalen Beruf? Das habe ich lange Zeit nicht verstanden, schon gar nicht, als ich selbst zwölf Jahre lang eine Kirche mit aufbaute und als ihr Pastor tätig war. Andere ermutigte ich sogar, für eine regelrechte Freisetzung von ihrem säkularen Berufsalltag zu beten. Nur so, dachte ich, können man sich ganz der Mission widmen. Doch in diesem Buch möchte ich den umgekehrten Weg beschreiben, denn es gibt auch so etwas wie eine Freisetzung in ein berufliches Umfeld hinein. Natürlich ist es töricht zu behaupten, dass Pastoren nicht arbeiten. Vielleicht hatte ich es als junger ehrgeiziger Prediger sogar etwas damit übertrieben, neben der Gemeinde mit ihrem Sozialwerk, die mehrere hundert Menschen in der Woche erreichte, auch noch das Gebäudeprojekt, die Bibelschule, die vielen Konferenzen und 5jährige Fernseharbeit zu leiten. Doch irgendwann stellte ich fest, dass ich als hauptberuflicher Pastor oft darunter litt, in einer frommen Subkultur regelrecht abgetaucht zu sein. Eigentlich war es schon immer mein Bedürfnis, mehr Kontakt mit sogenannten kirchendistanzierten Menschen zu bekommen. Wie konnte dies aber gelingen? Mitten im Leben und im Berufsalltag zu stehen, das ist der Lebensstil, den der Meister uns vorlebte. Genau darüber möchte ich berichten.

 

Über das säkulare Berufsleben hatte Jesus Vieles zu sagen und vielleicht war es sogar sein Lieblingsthema, denn fast alle seiner Gleichnisse erzählen von beruflichen Situation, in denen er auf ganz bestimmte Arbeitssituationen einging. Er sprach deutlich von der Positionierung der Christen in dieser Welt, vom Licht und Salz der Erde, von Schafen unter Wölfen, von der Klugheit der Schlangen und gleichsam von der Schuldlosigkeit der Tauben. Und als er seine Nachfolger aussandte, sollten sie zuletzt ihr eigenes Geld mitnehmen (vgl. Lukas 22,36). Erst als ich in meinem Beruf als Physiker arbeitete, ging mir ein Licht auf, wie dies gelingen kann. Klar wurde mir vor allem, wie mein Beruf nicht nur meine Mission ermöglichen kann, sondern sie auch selbst finanziert. Inzwischen habe ich Pastoren kennengelernt, die als erfolgreiche Unternehmer Gemeinden gründeten und sie heute ehrenamtlich leiten. Ein fantastisches Modell, wie ich finde.

 

Heute, in meiner jetzigen Tätigkeit als Coach, Trainer und Unternehmensberater großer Automobilzulieferer begegne ich Managern und Ingenieuren, die hungrig nach Gott sind. Die meisten von ihnen kennen Jesus Christus nicht. Die wenigsten haben je die Bibel gelesen noch eine Kirche betreten. Und ob sie überhaupt schon mal irgendeinen christlichen Film in ihrem Leben sahen, weiß ich auch nicht. Doch ich kann bezeugen, dass ihr Mangel an religiösen Übungen sie nicht davon abgehalten hat, Gott zu suchen.

 

Mein Beruf, der mich schon in über 35 Länder geführt hat, ermöglichte immer wieder Situationen, in denen es mir möglich war, Menschen mitten im Beruf den Glauben nahe zu bringen. Darunter sind viele, die Jesus direkt kennengelernt haben. Sie haben erfahren, dass er lebt, rettet, versöhnt. Sie sind mit ihrem Schöpfer heute verbunden. Er gab ihnen neue Hoffnung - nicht nur so eine abgeschriebene Geschäftsvision, sondern eine echte Vision für ihr Leben.

 

Doch mein Berufseinstieg, heraus aus dem „geistlichen“ und hinein in den „säkularen“ Beruf, war alles andere als ein leichter Schritt. Abgesehen davon, dass ich null Erfahrung in der Wirtschaft hatte und froh war, wenigstens in einem technischen Call-Center beginnen zu dürfen, stand dieser Schritt auch entgegen der herrschenden Auffassung, nach welcher ich meinen geistlichen Dienst angeblich aufgegeben hatte und mich nun der „weltlichen“ Arbeit widmen musste. So oder so ähnlich wirkten auf mich zumindest die Blicke mancher ehemaligen Pastorenkollegen. „Bedauernswert“ las ich aus ihren Blicken, „wo er doch eine solche Berufung hat!“ Hinzu kamen die vielen Abende, an denen ich mich müde fühlte und dachte, wie einfach es doch war, ausgeschlafen ins Gebet zu gehen. Als es noch in meine pastorale Arbeitszeit fiel, wurde man ja quasi für das Beten und Bibellesen bezahlt, dachte ich – was so natürlich nicht stimmt. So begann ich in den ersten Monaten, als noch niemand meiner Kollegen zum Glauben fand, tatsächlich mit Gott zu hadern. Ich war mir einfach nicht mehr sicher, ob ich ihn richtig verstanden hatte. Vorbilder für meinen neuen Lebensstil gab es in meinem Umfeld kaum. Und es sollte noch Jahre dauern, bis ich einen Durchbruch erlebte. Dann aber ging es plötzlich ganz schnell: Verantwortlich für die Qualitätssicherung bei der Verlagerung einer Produktionslinie von Deutschland nach Israel durfte ich dutzende Male in das Land reisen, das ich so sehr liebte. Früher war ich nur über die Veranstaltung „Israelgebet“ mit diesem Land verbunden, doch nun konnte ich endlich ganz praktisch bei der Arbeit helfen. Und das Schöne war: Die Leute spürten mein aufrichtiges Interesse. Als ich schließlich die erste Person am Toten Meer zum Glauben führen durfte, war ich dann endlich über meinen anfänglichen Frust über den Berufseinstieg hinweggekommen. Heute muss ich dazu nicht mehr ins „Heilige Land“ reisen, um zu begreifen, dass wir in jeder Situation Gott ehren können. Doch damals brauchte ich es. Gott wollte mich auf eine neue Ebene des Glaubens führen, doch ich war noch nicht dazu bereit. Also, so scheint es mir heute, kam er herab auf meine Ebene und lehrte mich im Heiligen Land, was Paulus einmal so formulierte: „Worin auch immer eure Arbeit besteht – tut sie mit ganzer Hingabe, denn ´letztlich` dient ihr nicht Menschen, sondern dem Herrn (Kolosser 3,23; HFA). Ich erkannte, dass meine gesamte berufliche Tätigkeit heilig sein kann, wenn ich sie mit der richtigen Einstellung ausübe. Und folgende Aspekte haben mich dabei beschäftigt:

 

Ob es wohl einen tieferen Sinn dafür gibt, warum ausgerechnet Jesus die längste Zeit seines Lebens in einem säkularen Beruf arbeitete? War er nicht als größtes Vorbild der Christen zu etwas „Höherem“ berufen? Oder haben wir das „Höhere“ in der Arbeit vielleicht zu lange übersehen?

 

Der zweite Aspekt betrifft das Geheimnis, warum Jesus in Anbetracht seines anspruchsvollen Lebens niemals ausbrannte? Im Alter von 33 Jahren konnte er sagen, dass er seine Mission vollständig erfüllt hatte. Doch was war es eigentlich, was ihn so effektiv machte?

 

Diese und ähnliche Fragen waren es, die mich nicht mehr losließen. Sie werden es bemerkt haben: Dieses Buch dreht sich ganz und gar um die Person des Nazareners. Und das hat seinen guten Grund: Denn wenn wir auf der Suche nach einem Vorbild oder Modell für ein erfülltes Arbeitsleben sind, das uns ausreichend Zeit für uns selbst und andere Menschen lässt, ein Lebenskonzept, das wir heute als vollkommenes „Work-Life-Balance“ bezeichnen würden, dann werden wir gerade bei Jesus fündig. Wer hätte das gedacht! Bei dem Wanderprediger? Nein, bei Jesus dem Arbeiter.

 

 

Im ersten Teil dieses Buches gehe ich also auf diesen arbeitenden Christus ein und stelle fest, dass Jesus der wohl glücklichste Mensch war, der je lebte.

 

Im zweiten Teil geht es dann um das tiefere Glücksgeheimnis dieses Mannes. In einer Zeit, in der die moderne Glücksforschung heute Hochkonjunktur hat, kommt uns die Wiederentdeckung von Jesus Christus als einem glücklichen Menschen und dem Geheimnis hinter seinem Lebenstil doch gerade recht.

 

Im dritten, letzten Teil richte ich mich noch an diejenigen, die davon träumen, einen sogenannten „geistlichen“ Beruf auszuüben. Doch gibt es überhaupt „fromme“ Arbeit? Und wenn ja, eignet sie sich für den Lebensunterhalt?

 

Ich bin mir nicht sicher: Vielleicht werden hier mehr Fragen aufgeworfen, als dass ich Antworten geben kann. Doch wenn ich nur dazu beitragen kann, Christus von einer neuen Seite zu entdecken, der unserem Arbeitsalltag eine neue Bedeutung verleiht, dann hat es sich allemal gelohnt. Einmal sagte er:

 

„Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir, denn ich bin gütig und von Herzen demütig. So werdet ihr Ruhe finden für eure Seele.“ (Matthäus 11,28) – Jesus

 

Das wollen wir nun tun – von ihm lernen. Gott segne Sie dazu!

 

 

Im Sommer 2018
Andreas Pohlmann

 

 

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[i] Karriere Spiegel (2012): Unkraut jäten im Garten Eden. Online verfügbar unter http://www.spiegel.de/karriere/mensch-und-arbeit-was-die-bibel-sagt-a-838247.html, zuletzt geprüft am 8.7.2018.