Leseprobe


Heilungsmethoden

Heilung durch Power-Evangelism

John Wimber, der den Begriff »power-evangelism« (»vollmächtige Evangelisation«) maßgeblich geprägt hat, definiert ihn wie folgt:

Mit »power-evangelism« meine ich eine Darstellung des Evangeliums, die für den Verstand zu begreifen ist, die aber auch Elemente enthält, die nicht vom Verstand erfasst werden können. Die Verkündigung des Evangeliums wird von sichtbaren Erweisen der Macht Gottes begleitet, von Zeichen und Wundern.

 

Für Wimber handelt es sich hierbei um eine Evangelisationsmethode, die sich von der üblichen »programmatischen Evangelisation«, die versucht, ohne die charismatischen Gaben den Verstand und das Herz der Menschen zu erreichen, unterscheidet. Paulus, der auf dem Areopag »programmatisch« evangelisierte, wobei er seine ganze Redekunst aufwandte, habe in Athen nur »ein mageres Resultat« erzielt: nur »einige Männer« schlossen sich ihm an (Apg 17,34). Nachdem er jedoch seine Evangelisationsmethode in Korinth änderte, glaubte »viel Volk in dieser Stadt« (Apg 18,10). Sein »ungeheurer Erfolg in Korinth« zeige, so Wimber, dass er [Paulus] dieses Prinzip [der »power evangelism«] verstanden hatte«.

 

Bönig kritisiert Wimber in seiner übermäßigen Betonung einer richtigen Methode vor allem deshalb, weil dieser sie so lehre, »als ob sie erlernbar wäre«. Doch Wimber scheint die Gefahr der Methodisierung erkannt zu haben und betont deshalb auch die »spontane« Komponente seiner »Heilungsmethode«.

 

Nach Wimber sind Zeichen und Wunder zugleich die »Visitenkarte des Reiches Gottes« und die Ursache dafür, dass sich »das Reich Gottes ausbreitet«. Er behauptet auch, dass Heilung ein »Evangeliums-Förderer« sei und es deshalb leicht sei, »den Menschen von Christus zu erzählen, nachdem sie geheilt worden sind«.

 

Bühne kritisiert den Ansatz der »power evangelism«. Er warnt davor, Gottes Wunder »herausfordern« zu wollen und empfiehlt, "nur demütig darum [zu] bitten...« Außerdem seien Wunder nur vorübergehend begeisterungsfähig (Mt 12,39).

Heilung durch Charismen

Die folgende Sichtweise bezieht sich darauf, dass Heilungen durch »Gnadengaben der Heilungen« nach 1Kor 12,9 gewirkt werden. Simpson lehrt, dass die Kraft zu heilen Menschen auf wundersame Weise während des gesamten Gemeindezeitalters verliehen wird. Praktisch alle Charismatiker wie auch Pfingstler teilen diese Auffassung.

 

Wimbers Konzept der »power evangelism« geht von einem allgemeinen Heilungsauftrag für alle Gläubigen aus, wobei einige mit den Gnadengaben der Heilungen besonders gesalbt seien. Häufige Praxis sei das Einhergehen von »Worten der Erkenntnis« (1Kor 12,8), wozu Bildeindrücke, eingegebene Worte und Körperempfindungen zu zählen sind, die anzeigen, welche Personen von welchen Krankheiten gerade geheilt werden sollen. Da der Sohn nur das tat, was er den Vater tun sah (Joh 5,19), geht Wimber davon aus, dass Gott auch die Krankheit wegnehmen will, die er in einem Wort der Erkenntnis offenbart. Manchmal können durch die Gabe der »Unterscheidungen der Geister« (1Kor 12,10) Krankheitsdämonen sichtbar gemacht bzw. erkannt werden.

 

Die aktuelle Wirksamkeit der Geistesgaben wurde immer wieder kritisiert. Zu den Hauptvertretern der Lehre, das Charisma der Heilung sei mit der Urkirche ausgestorben, gehörten schon die Reformatoren John Calvin und Martin Luther, später auch Bultmann, Lenski und Benjamin Breckenridge Warfield. Dabei handelt es sich um die Annahme, dass die »Realität dieses Zeichens [der Heilungsgabe] nur für eine Zeit in der Gemeinde anhielt«, wobei nur die Ältesten der Gemeinde diese Gabe besaßen.

 

Die zweite These lautet: Heilungswunder geschehen, wenn überhaupt, dann nur spontan. Die Begründungen hierfür lauten: (1) Dispensationalisten wie z. B. Scofield, die eine Lehre bestimmter Heilszeiten lehren, glauben, dass Gott nach der Etablierung der Kirche Heilungen und andere Wunder zurücknahm. (2) Reimer spricht nicht so sehr von Wundern, sondern von »Zeichen im Sinne des Johannesevangeliums« (Joh 5,54) als »Hinweise auf die Zeit der zukünftigen Vollendung«. Falls heute noch Heilungen auftauchen sollten, so will er in ihnen eher »überraschende Heilungen« sehen, die „durch direktes Eingreifen Gottes ... nicht die Regel“ sind.

 

Albert Schweitzer geht sogar soweit, dass er in einer geschichtsphilosophischen Betrachtung die Wunderheilungen der Urchristenheit als turbulent einordent, wogegen heute alles »in den geordneten Bahnen kirchlichen Lebens« ablaufe. Einer solchen Abwertung des reichen Erfahrungsschatzes der ersten Christengeneration tritt Deere entschieden entgegen und verurteilt diese als „Cessationismus“ benannte Lehrmeinung mit folgendem Urteil: „[Sie] entspringt nicht einem sorgfältigen Schriftstudium. Diese Lehre entspringt der Erfahrung.“

 

Heilung durch Handauflegung

Neben der Praxis der Handauflegung in der Segnung, Ordination oder Beauftragung und bei der Verleihung von geistlichen Gaben, betonen ausgehend von Mk 16,18 alle pfingstlichen und charismatischen Lehren die Methode der Handauflegung: „Der Dienst an den Kranken mit Handauflegung durch alle Gläubigen (Mk 16,17-18) wird gemeinsam ausgeübt.“ Die Interpretation dieser Methode ist jedoch etwas unterschiedlich:

 

Entsprechend der von Oral Roberts angegebenen Analogie, nach der die Kraft des Heiligen Geistes mit der Elektrizität verglichen wird, erinnert ihn die Handauflegung an das Schliessen eines elektrischen Kontaktes: „Gebrauche einen Kontaktpunkt, um deinem Glauben freien Lauf zu geben... Der Kontaktpunkt dient als Mittel, deinen Glauben zu stärken und dir zu helfen, dass du ihn freigibst.“ John Wimber, der diese Erfahrung der »Elektrisierung« bestätigen kann, erwähnt weitere Empfindungen wie »Wärme« oder »Schmerzen«.

 

Für Kenneth E. Hagin, der seinen »Dienst der Handauflegung« in einer Vision empfangen haben will, ist die Hand das Symbol der Autorität, wobei der Glaubende stellvertretend im Namen Jesu seine Hände auf Kranke legen soll; dabei vertrete er den auferstandenen Herrn Jesus und bewirke die Verlängerung dessen Heilungsauftrages.

 

Charles und Francis Hunter gehen noch einen Schritt weiter und behaupten, dass in der Handauflegung unsere physische Hand tatsächlich die Bedeutung der Hand Jesu einnimmt: „Wenn sie eines Tages die Hand ausstrecken, werden Sie feststellen, dass es die Hand Jesu Christi ist.“ Der Titel ihres Buches »Wie man Kranke heilt« soll ausdrücken, dass es ihnen um einen methodischen Ansatz gehe, wobei Frances Hunter die Praxis der Handauflegung ihre »Lieblingsmethode« nennt.

 

Heilung durch Berührung

Ausgehend von der Tatsache, dass im Heilungsauftrag Jesu viele Kranke versuchten, »Ihn anzurühren«, weil Kraft von ihm ausging (Lk 6,19), behaupten die Hunters: „Auch wir können solche irdische Gefäße sein, aus denen die Kraft Gottes strömt – ob wir nun jemanden anrühren oder jemand uns anrührt, denn auch letzteres ist eine schriftgemäße Methode des Heilens, das Gegenstück zum Handauflegen.“