Leseprobe


Heilungsbewegung

Die geschichtliche Entwicklung der Heilungsbewegung

 

1.4 Der Heilungsauftrag unter den Pfingstlern

 

Die Wurzeln der weltweiten Pfingstbewegung, die um die letzte Jahrhundertwende ihren Anfang nahm, reichen weit in die Zeit des Pietismus und des Methodismus zurück,[1] deren Inhalt und Ziel die „Begabung mit der Kraft des Geistes zum Dienst Gottes, aber auch die Verleihung von besonderen Geistesgaben“[2] war. Zu den Charakteristiken gehört neben der Zungen- oder Sprachenrede als Folge der sogenannten »Geisttaufe« vor allem die Betonung der Thematik »Körperliche Heilung«. Pfingstler haben stets die Botschaft betont, dass Gott auch heute noch alle Arten der Krankheit heilen will, so wie dies in der Urkirche der Fall gewesen ist. Bemerkenswert ist, dass es Nicht-Pfingstler wie A. B. Simpson, A. J. Gordon, F.F. Bosworth and R. Kelso Carter waren, Personen, die von der Heiligungserweckung erfaßt wurden, die eine Theologie der Krankenheilung, die die Heilung aller Menschen zu jeder Zeit einschließt, begründeten. Ihre Botschaft fand natürlich großen Zuspruch unter den Pfingstlern, die bereits mit Sehnsucht auf die Wiederentdeckung der Geistesgaben und deren Praxis warteten.[3]

 

Eine besondere Rolle mit Katalysatorwirkung für die Praxis des Heilungsauftrages unter den Pfingstlern nahmen die sogenannten Heilungsevangelisten ein, die durch ihre Kombination von Heilungsauftrag und Evangelisation zu einem außerordentlichen Wachstum der Pfingstkirchen führten. Leitende Figur war der Heilungsevangelist William Marrion Branham (1909 – 1965), der als der »Initiator of the post-World War II healing revival« (Begründer der Nachkriegs-Heilungs-Erweckung) gilt.[4] Hollenweger attestiert ihm „eine außerordentliche diagnostische Gabe“, mit der er „Krankheiten und Namen von Personen, die er noch nie gesehen hatte, auf Anhieb feststellen“ konnte.[5] Seit der ersten Wunderheilung im Jahre 1946, haben sich in seinem Dienst Tausende zu Christus bekehrt.[6] Durch Branhams Dienst, so Baxter, seien allein im Jahr 1947
35.000 Heilungen vollbracht worden.
[7]

 

Die Mehrzahl aller Heilungsevangelisten, von denen es in den letzten siebzig Jahren etwa fünfzig pfingstlicherische Heilungsevangelisten gab, stammte aus den USA. Die bekanntesten waren A. Allen (1911-70), Morris Cerullo (1931-), Jack Coe (1918-56), Tommy Hick, (1909-73), John Graham Lake (1870-1935), Gordon Lindsay (1906-73), T. L. Osborn (geb. 1923), Oral Roberts (geb. 1918) und Smith Wigglesworth (1859-1947).[8]  Um den Rahmen dieser Arbeit nicht zu sprengen, soll hier nur kurz auf jene Schlüsselpersonen eingegangen werden, die insbesondere auf den deutschsprachigen Raum nachhaltige Wirkungen ausübten. Hierzu zählten neben Branham vor allem Lindsay, Roberts und Osborn.

 

Gordon Lindsay kam durch einen Dienst von Charles F. Parham zum Glauben. Nach seiner Zusammenarbeit mit Lake und Branham organisierte er selbst Heilungsfeldzüge. Ab 1948 dokumentierte er als Herausgeber der Monatszeitschrift „Voice of Healing“ regelmäßig Ergebnisse von Heilungsversammlungen im Land und diskutierte diesbezügliche theologische Fragen vor einem breiten Publikum.[9] Als Autor von mehr als 250 Büchern und Heften rief er 1967 die „Christ of the Nations“-Bibelschule in Dallas, Texas ins Leben. Ehemalige Schüler dieser Schule gründeten im Jahr 1975 einen deutschen Zweig[10] unter dem Namen »GlaubensZentrum« mit heutigem Sitz in Bad Gandersheim.[11]

 

Tommy Lee Osborn stand bereits als Teenager im Predigtdienst. Branhams Veranstaltungen beeinflußten ihn stark, als er Augenzeuge einer Heilung eines Mädchen mit schielenden Augen wurde. In der Folge entwickelte sich für Osborn ein weltweiter Missions- und Heilungsauftrag. [12] 1964 berichtete er von seinem Dienst in über 40 Ländern erstaunliche Resultate.[13] Osborn trat für eine starke Betonung des Glaubens als eine Bedingung für Heilungswunder ein.[14] Mehrere seiner Bücher wurden ins Deutsche übertragen.[15]

 

Oral Roberts, der Sohn eines Pfingstpredigers, erfuhr als siebzehnjähriger göttliche Heilung von Tuberkulosis. Nach seiner Ordination (1936 Pentecostal Holiness) wurde er schnell als einer der ausgezeichneten Pastoren seiner Denomination bekannt. 1947 begann er seinen Heilungsauftrag im größten damaligen Zelt Amerikas mit über 12500 Sitzplätzen, in dem er bis 1968 dreihundert Heilungsevangelisationen abhielt. Er galt als »Amerikas erster Heilungsevangelist«.[16] Die im Jahr 1967 eingeweihte[17] $250 Mill. teure »Oral Roberts University« in Tulsa, Ok gilt als erstklassige pfingstlich-charismatische Universität Amerikas mit durchschnittlich 4600 Studenten.[18] Das Projekt der propagierten „City of Faith“, einem erweiterten Krankenhauskomplex, scheiterte[19]; dort sollte Gebet und Medizin zur ganzheitlichen Behandlung verschmelzen.[20]

 

In Deutschland war es vor allem der deutsche Hermann Zaiss (1889-1958), der ab
1944 einen klaren Auftrag zur freien Verkündigung des Evangeliums ohne irgendeine kirchliche Bindung verspürte. Aufgrund zahlreicher Heilungen strömten vielerorts Tausende in dessen Versammlungen, was dazu führte, das sich 1958 bereits 300 Zusammenkünfte mit dem Namen „Gemeinde der Christen, Ecclesia“ bebildet hatten.
[21]

 

Es darf nicht unerwähnt bleiben, dass es nicht an zum Teil berechtigter Kritik mangelte. Meist stand diese im Zusammenhang mit dem Lebensstil der Heilungsevangelisten, dem Aufbau ihrer eigenen Finanzorganisationen und dem zum Teil wetteifernden Geist der Prediger.[22]

 



[1] Gegen die bestimmenden Größen des Absolutismus und der Aufklärung im 18. und 19. Jahrhundert formierte sich allmählich ein Widerstand: die sog. Erweckungsbewegung, die wiederum auf dem europäischen Festland eine Erneuerung des Pietismus darstellte. In England drückte sich der Pietismus in der Form des Methodismus unter John Wesley (1703 -1791) und Georg Whitefield (1714 -1770) aus, in Nordamerika unter Charles G. Wesley und W. E. Boardman.

[2] Krust, Christian: 50 Jahre deutsche Pfingstbewegung - Mühlheimer Richtung, Altdorf bei Nürnberg 1958, S. 20.

[3] Obwohl Simpsons Lehre nicht als pfingstlich galt, wurden doch Auszüge seiner Schriften in der Zeitschrift »Journal of Pentecostal Theology« im Juli 1941 veröffentlicht.

[4] Burgess, Stanley, M. und McGee, Hary B (Editor: Alexander, Patrick H.): Dictionary of Pentecostal and Charismatic Movements, Zondervan Publishing House, Grand Rapids, Michigan 1988, S. 95.

[5] Hollenweger, W. J.: Charismatisch-Pfingstliches Christentum, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1997, S. 257.

[6] Lindsay, Gordon: A Man Sent From God, William Branham Publ., Jefferson, IN 1950, S. 23-25.

[7] Weaver, C. Douglas: The Healer-Prophet, William Marrion Branham: A Study of the Prophetic in American Pentecostalism, Macon, GA, Mercer University Press 1987, S. 22.

[8] Liardon, Roberts: Gottes Generäle, Adullam Verlag, Grasbrunn 1998, S. 9.

[9] Burgess, S. M.: Dictionary of Pentecostal and Charismatic Movements, S. 540.

[10] GlaubensZentrum Mediendienst: Medienkatalog 99/2000, Bad Gandersheim 1999, S. 1.

[11] Bob Humburg wird häufig als Gründer des »GlaubensZentrums« angesehen; unter der heutigen Leitung von Mike Chance „verstärkten sich die Aktivitäten und die Ausstrahlung des GlaubensZentrums Bad Gandersheim/früher Wolfenbüttel“ (Vgl. Bially, Gerhard: Ich will dich segnen Einblicke in den charismatischen Aubruch der letzten Jahrzehnte, Charisma-Verlag Düsseldorf 1999, S. 73).

[12] Liardon, Roberts: Gottes Generäle, S. 328.

[13] Burgess, S. M.: Dictionary of Pentecostal and Charismatic Movements, S. 656.

[14] Osborn, T. L.:  Healing the Sick and Casting out Devils, 3. Aufl., International Headquarters, Tulsa, Ok 1953, S. 77.

[15] Z.B. Osborn, T. L.: Krankenheilung, Shalom Verlag, Runding, 1960; Osborn, T. L.: Das gute Leben, Shalom Verlag, Runding, 1977; Osborn, T. L.: Du bist Gottes Bestes, Shalom Verlag, Runding, 1983; Osborn, T. L.: Wie erhält man Wunderheilung, Shalom Verlag, Runding, 1986, u.a..

[16] Burgess, S. M.: Dictionary of Pentecostal and Charismatic Movements, S. 759: »America’s premier healing evangelist«.

[17] Roberts, Oral: Miracle of Seed Faith, Fleming H. Revell 1970, S. 9.

[18] Burgess, S. M.: Dictionary of Pentecostal and Charismatic Movements, S. 759.

[19] „The Bulletin“, Bend, Oregon, 20. März 1992 in: Hunt, Dave: Die okkulte Invasion, CLV-Verlag, Bielefeld 1999, S. 496.

[20] Burgess, S. M.: Dictionary of Pentecostal and Charismatic Movements, S. 759.

[21] Reimer, Hans-Diether: ... neben den Kirchen – Gemeinschaften, die ihren Glauben auf besondere Weise leben wollen, Christliche Verlagsanstalt, Konstanz 1979, 112f.

[22] MacDonald, W.: The Cross Versus Personal Kingdom, Pneuma 3/2, Herbst 1982, S. 26-37; Hollenweger, Walter J.: Pfingstlich-Charismatisches Christentum, S. 257.