6. Zur Mündigkeit herangereift

In diesem Teil geht es um Reife – Mannesreife. Es ist die vorletzte Stufe vor unserem Ziel des Glaubens, der Fülle Christi. Weil es in Christus weder Mann noch Frau gibt (Gal 3,28), geht es hier nicht um das Geschlecht des Mannes, wohl aber um geistliche Vater- bzw. Mutterschaft. Wo sind unsere geistlichen Väter und Mütter? Gibt es solche Menschen in unserem Leben, die zum Beispiel mehr für uns, als für sich selbst beten? Die daran interessiert sind, dass wir mehr erreichen, als sie selbst erreicht haben? Wenn es überhaupt so etwas wie geistlichen Erfolg gibt, dann hat es mit unserer Nähe zu Gott zu tun. Gibt es solche, die sich dafür einsetzen, dass wir Gott näher kommen, als sie es selbst geschafft haben? – Was ist, wenn uns niemand einfällt? Beginne doch einfach damit, selbst eine solche Person zu werden, ein Christ, der zur Mannesreife aufsteigt – zur VOLLEN Reife.

Und er hat die einen als Apostel gegeben und andere als Propheten. Er gab Evangelisten, Hirten und Lehrer, damit sie die, die Gott geheiligt hat, zum Dienst ausrüsten und so der Leib des Christus aufgebaut wird mit dem Ziel, dass wir alle die Einheit im Glauben und in der Erkenntnis des Sohnes Gottes erreichen; dass wir zu mündigen Christen heranreifen und in die ganze Fülle hineinwachsen, die Christus in sich trägt. (Epheser 4,11-13)

 

Der reife Christ

Reife (v. reif, althochdt.: rifi was abgepflückt werden kann) steht für die die Erreichung eines bestimmten Grades innerhalb einer Entwicklung. Die Entwicklung als solche wird Reifung genannt. In der Psychologie bezeichnet die Reife eine innere Einstellung. In der Bibel ist der Begriff "volle Mannesreife" ein Synonym für geistliche Reife. Sie ist jedoch nicht etwas, zu dem nur einige wenige berufen sind. Leider hat der frz. Schriftsteller Daudet Recht, wenn er feststellt, dass die Menschen alt werden, aber selten reif. In christlichen Kreisen herrscht oft die Auffassung, dass nur berufene Älteste, die mit der Führung einer Gemeinde betraut werden, die volle Mannesreife erlangen können oder erlangt haben. Doch Paulus schreibt in Eph 4,13 an ALLE Gläubigen über ihre Bestimmung; es heißt: damit "wir ALLE hingelangen... zur vollen Mannesreife." Es stimmt schon, dass diese Reife und das, was Gott darunter versteht, gut in der Qualifikation für das Ältestenamt beschrieben ist, doch keineswegs ist sie hierauf begrenzt. Denn Älteste sind schlichtweg Männer, die eine Berufung zur Gemeindeleitung haben, nicht mehr und nicht weniger. Damit ist nicht gesagt, dass sie notwendigerweise die volle Mannesreife besitzen. Zu den Ältesten in Milet sagte Paulus: "Habt acht auf euch selbst und auf die ganze Herde, in welcher der Heilige Geist euch als Aufseher eingesetzt hat, die Gemeinde Gottes zu hüten..." (Apg 20,28). Sie waren zu Lehr- und Hirtendiensten eingesetzt. Neben diesen fünffältigen Dienstgaben aus Eph 4,11 gibt es auch solche Männer, die einfach nur „gut vorstehen“; sie werden von denen unterschieden, die in Wort und Lehre arbeiten“ (1Tim 5,17). Sie haben schlicht die besondere Gabe der Leitung. Doch auch mit dieser Gabe müssen sie nicht unbedingt die geistlich reifsten Personen sein. Alle wünschen sich das natürlich, doch es ist schon viel Schaden dadurch entstanden, dass man Charisma mit Reife verwechselt hat. Älteste haben sicher ein Charisma und eine Berufung, für die sie gewisse Mindestqualifikationen erfüllen, um ihr Amt ausüben zu können. Vorbildfunktion hingegen ist für JEDEN Christen bestimmt - ein Vorbild in der Fürbitte zu sein, dem Dienst und der Liebe am Nächsten – zuerst in der Familie und dann in der Gemeinde. Dies ist eine Sache, zu der jeder Christ berufen ist. Und noch ein Wort an die Frauen: Auch wenn das Ältestenamt aufgrund der Hauptfunktion dem Mann zugeschriebenen wird, mag es Frauen genauso wie Männer geben, die reifer handeln als ihre Ältesten. Die von Paulus genannte „Volle Mannesreife“ ist nämlich völlig unabhängig von Amt und Würden. Sie ist die vorletzte Etappe auf unserer geistlichen Reise zur Fülle Christi.

 

Volle Reife. Was ist das?

Jemand sagte einmal: „Mit der Reife wächst die Bescheidenheit“. Und es war Friedrich Schiller, der Ähnliches feststellte: „Einfachheit ist das Resultat der Reife“, sagte er. Im Grunde gehen diese Weisheiten konform mit der biblischen Sicht der Dinge, denn der geistlich reifste Mensch, der je lebte, Jesus Christus, handelte sehr bescheiden und einfach, indem er sich um Andere kümmerte. Jesus brachte es auf den Punkt:

 

1. DER REIFE NACHFOLGER JESU BLEIBT BEI DIR - auch in Schwierigkeiten. Der frühreife hingegen verlässt dich, wenn es schwierig wird. Jesus erklärte: „Wer Mietling und nicht Hirte ist, ... sieht den Wolf kommen und verlässt die Schafe und flieht.“ (Joh 10,12) „Der Gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe.“ (Joh 10,11) Das Leben zu lassen, das muss nicht immer gleich so dramatisch zugehen. Meistens sind es die kleinen, einfachen Dinge im Alltag, auf die es ankommt, gerade dann, wenn der andere in Not gerät. Heute schreibt die Welt am Sonntag zum Beispiel über das Thema Schwiegermama auf dem Egotripp: „Schwiegermütter sind auch nicht mehr das, was sie einmal waren. Statt am Krückstock zu gehen, rennen sie heute mit dem Nordic-Walking-Stock durch den Wald und beeindrucken auf dem Golfplatz mit ihrem einstelligen Handicap. Dabei tragen sie Kleidergröße 36, ihre Haut ist makellos vom wöchentlichen Termin bei der Kosmetikerin..., während wir es zwischen Kinderbetreuung und Job gerade einmal schaffen, uns die Haare zu kämmen und notdürftig die Essensreste von der Bluse zu kratzen.“ Andere überwintern gleich in Florida oder vergeben Termine zum Babysitten nur nach vier- bis sechswöchiger Voranmeldung. Eine Ausnahme? Nein, der Egotripp nagt an uns allen und verhindert, dass wir geistlich vorankommen, wachsen und reifen. Jesus zu folgen, das hat vor allem etwas damit zu tun, sein Leben für andere einzusetzen, sich für andere manchmal regelrecht zu verschwenden – wenn es denn nur aus Liebe geschieht.

 

2. DER REIFE LEITER WÜNSCHT SICH, DASS AUCH SEINE SCHÜLER ZU VÄTERN HERANWACHSEN - der frühreife Leiter hingegen will, dass wir immer „unter“ ihm bleiben. Älteste mit dieser Einstellung verbreiten einen merkwürdigen Geruch der „Kontrolle“. Man kann es regelrecht „riechen“, wenn man in eine Gemeinde kommt; sie ist in erster Linie durch Funktion, Dienste und Hierarchie bestimmt. Wenn ich gute Glaubensgespräche mit Nichtchristen führe, komme ich häufiger an den Punkt, dass sie dazu bereit sind, ein Gebet zu sprechen. Ich habe festgestellt, dass es leichter ist, mit ihnen zu beten, als sie in eine Kirche zu führen, in der sie einen Machtapparat wittern. Deshalb brauchen wir Reife in unseren Gottesdiensten: Menschen, die von sich wegweisen, hin zu Jesus, die die Menschen nicht sich als Führer binden, sondern an unseren alleinigen Herrn Jesus Christus. Dies macht ihre wahre Größe aus.

 

3. DER REIFE LEITER ERMUTIGT UNS DAZU, DASS WIR UNS SELBST AUCH MAL DINGE ZUTRAUEN - der unreife Leiter will dagegen, dass wir immer zuerst ihn sehen und letzten Endes bewundern. Doch Vorbilder sind nicht dazu an, dass wir an ihnen kleben bleiben. Während der unreife Leiter unsere Hörigkeit genießt, erkennt der gereifte Leiter in unserer Menschenabhängigkeit eine Gefahr, von der uns hilft, loszukommen. Er hilft uns, sie zu bekämpfen und stattdessen die höchste Gabe zu entwickeln, die man überhaupt erlernen kann: die Abhängigkeit von Gott, das Ausliefern an Ihn und die Führung durch den Heiligen Geist!

 

4. DER REIFE VATER IN CHRISTUS FREUT SICH ÜBER DEN ERFOLG SEINER GEISTLICHEN SÖHNE - der unsichere Führer reagiert eingeschüchtert, wenn seine Söhne Erfolg haben. Johannes schrie: „Eine größere Freude habe ich nicht als dies, dass ich höre, dass meine Kinder in der Wahrheit wandeln.“ (3Jo 1,4) Ich finde, dies ist ein herstechendes Merkmal geistlich reifer Menschen wie der Johannes, der die volle Mannesreife erlangte: sie freuen sich über die Erfolge der anderen. Klar, auch jeder Mutter tut dies, wenn ihr Verhältnis zu ihrem Sohn intakt ist. Doch das, was Johannes hier meint, geht weit über die natürliche Zuneigung hinaus. Erstens waren es nicht seine natürlichen Kinder, sondern seine geistlichen, und zweitens ging es nicht um den erfolgreichen Studienabschluss seines Sohnes oder einer herausragenden sportlichen Leistung, sondern um den Weg „in der Wahrheit“. Was ist das für eine Wahrheit, die ihn glücklich machte? Im nächsten Vers verrät er uns, dass es etwas mit dem Liebeswandel zu tun hat: „Geliebter, treu handelst du in dem, was du an den Brüdern, sogar an fremden, tust.“ (3Jo 1,5). Geistliche Reife, das hat im Grund nur mit Liebe zu tun – sie vorzuleben und darüber zu freuen, wenn die eigenen Schüler darin verwurzelt bleiben.

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