3. Die Kunst der gegenseitigen Ermutigung

Wir sind immer noch auf Wachstumskurs, sprechen also in diesem Kurs darüber, wie wir uns als Christ entwickeln können und so etwas wie geistlichen „Erfolg“ haben – wenn es ihn überhaupt gibt. Um dies besser zu verstehen, bedienen wir uns der 7 Wachstumsschritte, wie sie von Paulus in Eph 4, 11-13 beschrieben werden: Demnach entsteht in uns schon sehr schnell, nachdem wir von unseren Leitern zur Nachfolge Jesu inspiriert wurden, das Bedürfnis, selbst ein Diener zu sein. Darum ging es im letzten Teil. Doch es geht nicht nur um unseren Dienst. Man könnte beinahe glauben, wenn man im Fernsehen die „großen Dienste“ sieht, dass das Ziel unseres Glaubens lange Spendenlisten seien. Doch es gibt mehr im Reich Gottes, als nur einen „Ministry“ zu haben. Gott lädt uns alle - auch die Leiter - mit Eph 4,12 ein, auf einen höheren Level zu kommen. Was ist das für eine Ebene? Woran können wir erkennen, ob wir dort angelangt sind? Wir müssen dies herausfinden, um später zur Einheit und Echtheit des Glaubens vorzudringen.
Der dritte Level ist die Erbauung des Leibes Christi. Dabei müssen wir erstens verstehen, was „Erbauung“ ist, und zweitens, woraus der Leib Christi heute besteht.

Und er hat die einen als Apostel gegeben und andere als Propheten. Er gab Evangelisten, Hirten und Lehrer, damit sie die, die Gott geheiligt hat, zum Dienst ausrüsten und so der Leib des Christus aufgebaut wird mit dem Ziel, dass wir alle die Einheit im Glauben und in der Erkenntnis des Sohnes Gottes erreichen; dass wir zu mündigen Christen heranreifen und in die ganze Fülle hineinwachsen, die Christus in sich trägt. (Epheser 4,11-13)

 

Erbaung

Das Wort „Erbauung“ lässt sich auch mit „für den Aufbau“ (vgl. Fußn. Elberf. Bibel) übersetzen. Die meisten denken hier an eine erbauliche Predigt, wenn sie an Erbauung denken. Doch hier ist viel mehr gemeint als das. Das griech. Wort oikodome ist von einer Tätigkeit abgeleitet, nämlich dem Hausbau. Die Zurüstung der Gläubigen geschieht hier entsprechend durch eine Tätigkeit, die nicht in Worten allein besteht. Menschen, die wirklich etwas aufbauen, unterhalten uns deshalb nicht nur. Sie müssen uns auch nicht überreden (1Kor 2,4), sondern sie geben etwas von ihrer eigenen geistlichen Substanz weiter, dass Paulus „geistliche Gnadengabe“ nannte: „Denn mich verlangt sehr, euch zu sehen, damit ich euch etwas geistliche Gnadengabe mitteile, um euch zu stärken.“ (Röm 1,11). Wir müssen verstehen, was Paulus hier meint. Wie stärkte er die anderen Christen? „DAS HEISST ABER, um bei euch MITGETRÖSTET zu werden, ein jeder durch den Glauben, der in dem anderen ist, sowohl euren als meinen.“ (Röm 1,12). Ist das nicht erstaunlich? Klingt das nicht nach einem Geben und Nehmen, nach einer Zweiseitigkeit, die ich – ehrlich gesagt – so von einem Apostel gar nicht erwartet hätte? Und doch, er sagt es selbst. Ich wiederhole: „um bei euch mitgetröstet zu werden“.

 

Aus meiner Begegnung mit Menschen, die einen sogenannten „Ministry“ haben, habe ich beobachtet, wie sich viele selbst unter Druck bringen, wenn sie meinen, nur dadurch andere aufbauen zu können, dass fortwährend etwas von ihnen ausgeht: Salbung, Inspiration, Gaben und Power. Sie würden auch gar nicht erst auf den Gedanken kommen, einen anderen Eindruck entstehen zu lassen. Schließlich scheint dies ja ihre Legitimation zu sein, dass sie überhaupt einen Dienst haben. Werden sie nicht auf eine Plattform gehievt, um eben genau dieses Bild entstehen zu lassen - allzeit siegreich zu leben, immer gut drauf und niemals ernsthaft bedürftig zu sein? Werden sie nicht gerade dafür eingestellt?

 

Diese Einseitigkeit, die wir von diesen „Überchristen“ mit VIP-Status kennen, baut uns – wenn wir ehrlich sind - nicht wirklich auf. Auf lange Sicht erzeugt sie nur Minderwertigkeit. Dies erkennen wir ganz leicht daran, dass die meisten Christen es sich nicht im Traum einfallen ließen, ihrem geliebten Fernsehprediger die Hände aufzulegen, um ihn im Namen Jesus zu segnen, geschweige denn ihn zu trösten. Könnte ich einen Billy Graham oder Yonggi Cho überhaupt trösten? Nun, warum denn nicht? Es sind auch nur Menschen. Hier kommt der Punkt: Paulus würde es nicht nur zulassen, er würde uns sogar darum bitten! Er sagt, dass „ein jeder“ – er selbst eingeschlossen – „durch den Glauben, der in dem anderen ist, sowohl euren als meinen“ gestärkt oder erbaut wird. Gerade diese Demut jedoch ist es, die vielen Leitern fehlt. Aber nur sie baut uns wirklich auf und macht uns stark. Deshalb braucht dieses Land mehr demütige Leiter!

 

Du fragst, wie man von der zweiten Ebene auf die dritte gelangt? Hier kommt die Antwort: Durch Demut. - „Herr, bitte mehr Vollmacht!“, betete ein Pastor. Die Antwort kam prompt aus dem Himmel: „Mehr Demut, mein Sohn, mehr Demut!“ Wenn du ein Leiter bist, möchte ich dir eine Frage stellen: Dienst du den Menschen in einer Art, dass auch du von ihnen geistliche Substanz abziehst, oder hast du nur einen „Ministry“? Es tut immer wieder gut, sich in Erinnerung zu rufen, dass auch Leiter bedürftige Glieder am Leib Christi sind, genau so wie alle anderen.

 

Die Selbstauferbauung des Leibes

Der Leib Christi - das ist ein fantastischer Ausdruck für die Gemeinde, auf mehreren Ebenen: in der Familie, auf der Lokal- und Landesebene – aber auch weltweit gesehen. „Und alles hat er [Gott der Vater] seinen [Jesu] Füßen unterworfen und ihn als Haupt über alles der Gemeinde gegeben, die SEIN LEIB ist, DIE FÜLLE dessen, der alles erfüllt.“ (Eph 1,22-23). Die Sehnsucht im Herzen, mehr von Jesus unter uns zu erfahren, eben seine „Fülle“, hält die Glieder zusammen. Je größer die Sehnsucht danach, desto fester ist die Bindung der Glieder. Wird dieses Verlangen durch Lust an Programmen oder anderen Dingen ersetzt, löst sich der ganze Verbund. Paulus wurde offenbart, wie die Glieder des Leibes Christi zusammenarbeiten: „Aus ihm [Christus] wird der ganze Leib zusammengefügt und verbunden durch jedes der Unterstützung dienende Gelenk ... so wirkt er das Wachstum des Leibes zu seiner SELBSTAUFERBAUUNG in Liebe.“ (Eph 4,16) Ich liebe dieses Wort „Selbstauferbauung“. Es trifft auf eine Christenheit, die sich häufig schwach und abhängig von Ordinierten und Seelsorgern fühlt, enttäuscht von Mitchristen und Gemeinden. Jesus prophezeite in Mt 24,12, dass in den letzten Tagen die Liebe in vielen erkalten wird. Meist geschieht dies aus Frust und Enttäuschung, weil die Erwartungen dieser Konsumchristen nicht erfüllt wurden – und auch nicht erfüllt werden können. Die Predigt war nicht so gesalbt, wie man sich das vorstellte, oder das Kinderprogramm einfach enttäuschend. Ganz zu schweigen vom Umgang miteinander, der sich leider zum großen Teil nur auf das Bestaunen des Hinterkopfes vom Vordermann beschränkte. Doch parallel zu dieser Entwicklung wächst in unserer Generation ein Leib heran, der ganz anders tickt. Er ist nicht mehr abhängig von Programmen, von christlichen Angeboten und Diensten. Er hat es geschafft, sich selbst aufzubauen. Das Mittel, das er hierbei einsetzt, ist die Liebe – ungeheuchelte Liebe.

 

Es gibt keine einsamen Helden mehr. Die Zeit der Superchristen ist vorbei, denn superchristlich zu sein, das ist nur möglich durch Demut und Verbundenheit mit dem Leib. Deshalb werden Siege auch grundsätzlich gemeinsam gefeiert, weil sie allen gleich gehören – den Geringen wie den Angesehenen. Damit keine Spaltung entsteht, hat „Gott den Leib zusammengefügt und dabei dem Mangelhafteren größere Ehre gegeben, damit keine Spaltung im Leib sei, sondern die Glieder DIESELBE SORGE FÜREINANDER hätten.“ (1Kor 12,24-25) Nicht die großen Seelsorger stehen also im Mittelpunkt, sondern der Einzelne. Denn einer trägt die Lasten des anderen. Das ist ganz normal. Mit den Freuenden freut man sich, mit den Weinenden weint man mit – und auch die Leiter lassen sich trösten. Hier erahnen wir schon ein Stück von der Stärke des Leibes Christi in den letzten Tagen. Die Kapazität dieses Leibes ist enorm: sie wird schlußendlich die Fülle Christi fassen können.

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