2. Jeder hat etwas zu geben

Mit dem Riesen, der erwacht, ist niemand geringeres als die Gemeinschaft der Christus-Nachfolger gemeint. In unserer Generation steht dieser Riese tatsächlich auf. Damit ist nicht unbedingt das zahlenmäßige Wachstum der christlichen Kirche gemeint (besonders in Lateinamerika und Afrika), sondern das Erwachen der Basis. Eine neue Art von Leiterschaft versteht es, nicht mehr an sich selbst, sondern an Christu zu binden. Im Grunde geht es darum, dass jeder Einzelne von sich selbst loskommt und im sogenannten „Werk des Dienstes“ steht, mündig und verantwortungsvoll. Welche Rollen spielen dabei die Vollzeitlichen? Muss es sie überhaupt noch geben? Oder hat jeder Christ eine vollzeitliche Berufung zum Dienst?

Und er hat die einen als Apostel gegeben und andere als Propheten. Er gab Evangelisten, Hirten und Lehrer, damit sie die, die Gott geheiligt hat, zum Dienst ausrüsten und so der Leib des Christus aufgebaut wird mit dem Ziel, dass wir alle die Einheit im Glauben und in der Erkenntnis des Sohnes Gottes erreichen; dass wir zu mündigen Christen heranreifen und in die ganze Fülle hineinwachsen, die Christus in sich trägt. (Epheser 4,11-13)

 

Ich möchte mit einem anschaulichen Bild beginnen: Wer sich um sich selbst dreht, zieht sehr kleine Kreise. Man muss es sich wirklich einmal bildlich vorstellen. Doch dies lehrt uns schon das tägliche Leben. Deshalb kann ein junger Christ gleich von Anfang an lernen, welche Freude es macht, von seiner befreienden Erfahrung mit Christus anderen zu erzählen. Es ist eine der lohnenswertesten Aufgaben überhaupt, in andere Menschen zu investieren und sie zu ermutigen. In diesem Sinne hat übrigens noch keiner auf dem Sterbebett gesagt: Ich wünschte, ich hätte weniger gedient! Es gibt ja Menschen, die Gott zwar dienen wollen, aber nur als sein Berater! Eines haben sie nicht verstanden: Da liegt ein großes Geheimnis im Geben. Nimm eine Eisenstange im Wert von 10 Euro. Dieselbe Stange Eisen wäre etwa 100 Euro wert, wenn aus ihr Hufbeschläge gefertigt werden. Produziert man Nadeln, brächte dieselbe Stange schon 10.000 Euro ein. Doch wenn aus ihr Balancegewichte für Schweizer Uhren gegossen werden, hätte sie einen Wert von 1Mio Euro. Das Rohmaterial ist also nicht so bedeutend wie die Entwicklung und wie der Einsatz dieses Materials. - Gott sagt uns, dass jeder von uns Gaben empfangen hat. Aber ihr Wert, auf die Ewigkeit bezogen, hängt davon ab, wie wir sie für Gott und unsere Mitmenschen einsetzen. Jemand hat einmal sehr treffen formuliert: Unseren Lebensunterhalt haben wir durch das, was wir bekommen – leben tun wir aus dem, was wir geben. Ich habe viel darüber nachgedacht. Gott zu dienen, das ist wirklich Lebensqualität auf hohem Niveau. Sie steht gleich am Anfang des Wachstums gemäß Eph 4,11-13, nicht erst am Ende. Sie ist für jeden Christen bestimmt.

Eine der größten Frauen sagte: “Siehe, ich bin die Magd des Herrn; es geschehe mir nach deinem Wort!“ (Lk 1,38) Wenn wir miteinander ein Leben beginnen, in dem alle in den Dienst eintreten, kommt das stärkste Wachstum zustande, das wir uns überhaupt vorstellen können. Wenn wir erkennen, dass wir zum Geben berufen sind, werden wir empfangen und geben, befreit werden und anderen helfen, in die Freiheit zu kommen.

Bei der Heilung funktioniert das so: Jesus kann zwar souverän Wunder tun, doch er möchte, dass wir füreinander beten und uns dienen. Wer sich ständig fragt: „Was bringt mir das Ganze?“, kann keine Gemeinschaft erleben. Mein Tip: Bringe jedes Mal, wenn du dich mit anderen Menschen triffst, irgendetwas mit: Wer nichts Erbauendes zu berichten weiß, bringe wenigstens Blumen mit. Häufig sind es die kleinen Dinge, die über die großen entscheiden. Doch wir berechnen, kalkulieren dies nicht im voraus mit ein. Vielmehr ermutigt uns die Bibel ja:  „Tut eure Arbeit gern, als wäre sie für den Herrn und nicht für Menschen“ (Kol 3,23). Einer Gemeinde, die sich dieser Berufung bewusst ist, auch in ihrer Rolle als - wie die Bibel sie nennt - Braut Christi, braucht man dies nicht extra sagen. Sie dient, weil sie liebt. Sie liebt, indem sie dient!

 

Vollzeitlich oder nebenberuflich dienen?

Die weit verbreitete Vorstellung einer Zweiklassen-Kirche teilt die christliche Gemeinde in die ausgebildeten Berufschristen und berufstätigen Freizeitchristen auf. Da gibt es einerseits die vollzeitlichen Missionare und Pastoren und andererseits die Laien, die angeblich nicht auf so hohem geistlichen Level Gott dienen können. In Sachen „Berufung“ wird es sogar als ein Rückschritt angesehen, wenn ein Vollzeitlicher wieder arbeiten gehen „muss“, um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten (z.B. wenn die Spendengelder nicht mehr fließen). Paulus jedoch war ganz anderer Ansicht: Für ihn wäre es ein Rückschritt gewesen, für seinen geistlichen Dienst Geld zu nehmen, obwohl dies ihm zustand. Er sagte: „Wir (Barnabas und Paulus) haben aber von diesem Recht (Bezahlung für geistlichen Dienst) keinen Gebrauch gemacht, sondern wir ertragen alles, damit wir dem Evangelium Christi kein Hindernis bereiten.“ (1Kor 9,12) Greifen wir diesen Gedanken ruhig einmal auf: Wachsende Gemeinden entwickeln sich im wesentlichen durch die vielen freiwilligen Ehrenamtlichen. In einer Stunde ehrenamtlicher, freiwilliger Arbeit kann mehr Frucht entstehen, als in acht Stunden bezahlter Tätigkeit, in der „ich nur mit einer Verwaltung betraut“ bin (1Kor 9,17), erklärte Paulus.

 

Interessant ist, dass es meistens die Leiter sind, die davon träumen, für ihre Gemeindeprojekte vollzeitlich da zu sein. Viele ihrer Projekte können tatsächlich einen Manager voll auslasten. Ich habe selbst über 10 Jahre so gelebt und daraus gelernt. Es hängt damit zusammen, dass sich vor allem seit den 70er Jahren ein Gemeindemodell durchgesetzt hat, das sich mehr an modernen Wirtschaftsunternehmen orientiert als an der neutestamentlichen Familie und Gemeinschaft. Visionen und Missionen wurden formuliert, Marketingstrategien und das entsprechende Management aufgestellt. Viele westliche Gemeinden haben sogar ihre gesamte Kultur zugunsten einer neuen Corporate Identity aufgegeben, in der die Mitarbeiter von Vorgesetzten geleitet werden, die mit dem Ziel einer nachhaltigen Unternehmensentwicklung nur das Eine verfolgen: die Erreichung ihrer operativen und strategischen Ziele. Doch die Gefahr ist, dass das Unternehmen – sprich Gemeinde - wichtiger wird als der Einzelne. Derjenige fühlt sich nützlich, der vor allem eines kann: das Unternehmen nach vorne bringen. Dagegen ist der Erfolg im liebevollen Umgang miteinander, in der Gemeinschaft und gegenseitiger Hingabe leider nur sehr schwer durch Qualitätsindikatoren zu messen.

 

Die Gemeinde sollte jedoch wie ein Apfelbaum sein, der die Frucht nicht zu seinem eigenen Nutzen produziert, sondern damit andere die Früchte genießen. Gerade darum geht es im „Dienst“. Hierzu sind nicht nur einige wenige Vollzeitliche berufen, sondern der ganze Leib Christi. Und das Schöne ist, die gute Nachricht lautet, dass ein Erwachen durch die Gemeinde geht. Es findet ein Umdenken statt. Einige stellen sich die Frage: Warum sollte ich eine Person mit 60 Arbeitsstunden/Woche belasten, wenn ich viel besser die Last auf 12 Personen verteilen kann, die in ihren Dienst bei nur 5 Stunden/Woche verrichten? Wenn es keine 12 Personen gibt, sind da vielleicht sechs Leute, und ich muss einfach meinen Projektplan anpassen, die Projektdauer verdoppeln. Es muss ja nicht immer alles sofort und jetzt geschehen. Ich muss in einer neutestamentlichen Gemeinde kein Geschäftsziel sondern Gottes Ziel erreichen. Was ist sein Ziel? „Das Endziel der Weisung aber ist Liebe aus reinem Herzen und gutem Gewissen und ungeheucheltem Glauben.“ (1Tim 1,5)

 

Wichtig ist dabei: Gesundes Gemeindewachstum geschieht kontinuierlich und homogen. Der geistlich reife Leiter beweist sich, indem er die Kunst zur Befähigung der Gemeinde versteht - oder wie Paulus es ausdrückte: die "Ausrüstung der Heiligen zum Werk des Dienstes“. Während der übereifrige Vollzeitheld oft alles an sich reißt, verhelfen uns die wahren Leiter, dass wir selbst für den Dienst freigesetzt werden.

 

Im Gleichnis von den Talenten beschreibt Jesus das Leben dreier Personen. Zwei von ihnen wurden von Gott angenommen, einer verdammt. Warum? Weil dieser Mensch ein liederliches Leben führte? Nein. Weil er den Glauben verleugnete? Nein. Weil er eine Todsünde beging? Nein, sondern weil er seine von Gott erhaltene Gabe nicht einsetzte. Er vergrub sie im Boden, so dass sie niemandem etwas nutzte. – Dieses Gleichnis hat mich sehr aufgerüttelt. Als ein Leiter möchte ich dem Evangelium kein Hindernis sein. Ich möchte nicht, dass ein anderer wegen mir sein Talent vergräbt, denn wer sein Talent vergräbt, begeht einen schwerwiegenden Fehler! Deswegen ermutigt dich die Bibel: "Vernachlässige nicht die Gnadengabe in dir“ (1Tim 4,14)

 

Gott segne dich auf fantastische, kreative und inspirative Art und Weise dazu!

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0